The second Colloquy, »domesticating symbols« was held from November 14 -16, 2010. It looked at the entropic dissolution of symbolic structures we are experiencing today and explored various approaches towards learning to cultivate code. Genre-logical and language-historical backgrounds were considered regarding the modern transition from a primacy of thinking in terms of substance (Substanzlogik) to one of conceptual relationality in the determination of terms by functional mappings (Funktionslogik). The possibility of a further transition from the set-theoretical mappings by functions to a categorical kind of operationability – an ability in dealing with symbolic operations – was considered. At the center of the discussions was the question regarding the respective rôles of symbols, signs and numbers, as well as their respective relationships, in the cultivation of code.

The central phenomenon considered was photovoltaics and its capacity to capture energy by coding instead of exploitation, and of integrating energy into the ecosphere of the planet‘s natural balance in additional quantities, and furthermore, in the genuinely abstract form of electricity that allows to convert any form of energy into any other form.

Thema der zweiten Klausur: »domesticating symbols«

Nach der ersten Klausur zum Thema »printed physics« im Frühsommer 2010 findet die zweite Klausur »domesticating symbols« nun vom Freitag 12. November bis zum Sonntag 14.November statt, wiederum in der Stiftung Werner Oechslin in Einsiedeln. Dazu laden wir fünf Referenten zu Vortrag, Reise, Kost und Logis ein. Im Anschluss an die Klausur sollen die Beiträge in einem Buch veröffentlicht werden. Die Klausur ist nicht öffentlich, aber es wird eine beschränkte Anzahl an interessierten Gästen zur Teilnahme und Diskussion eingeladen.

Für unsere zweite Klausur »domesticating symbols« nehmen wir die erst einmal eher nüchterne Beobachtung zum Ausgangspunkt, dass das Substrat, auf dem daten­verarbeitenden Maschinen heute operieren, sich nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ verändert hat, seit wir mit Energie in Form von Elektrizität technisch umzugehen gelernt haben; informationstechnische Medien und Apparate operieren nicht mehr primär auf dem Substrat physikalischer Kräfte und deren mechanischen Prinzipien. Sondern sie entfalten ihre Wirksamkeit auf einem quasi-immateriellen Substrat bestehend aus den Signalhorizonten der symbolischen Kodierungen, mit denen das ehemalige physikalische Substrat nun als „Daten“ im Sinne von „informatorischer Konstellation“ formal abgebildet wird. Dabei ist es wichtig hervor­zuheben, dass die Informationstechnik sich heute nicht mehr lediglich darauf beschränkt, diejenigen Prozesse auf verfeinerte Weise steuern und ausloten zu können, die sich uns auch schon mit mechanischen Apparaten erschlossen hatten. Vielmehr findet gegenwärtig eine Entwicklung statt, in deren Verlauf sich die energetischen Grundlagen unserer Welt selbst aus ihren mechanischen Constraints befreien könnten: Die Photovoltaik vermag es zum allerersten Mal, Energie in Form von Elektrizität direkt aus dem Licht der Sonne zu gewinnen, und zwar letztendlich komplett jenseits der immer knapper werdenden Ressourcen, die unser Planet in der Form materieller Energiespeicher bereit hält.

Als Referenzrahmen des symbolischen Substrats heutiger Informationstechnologie wollen wir deshalb, zumindest hypothetisch und während dieser Klausur, nicht mehr länger von den geschlossenen Kräfteverhältnissen physikalischer Prozesse ausgehen. Information is not matter nor energy, hatte Norbert Wiener vor mehr als einem halben Jahrhundert schon formuliert, obwohl für ihn wohl erst die Transformation von energieverbrauchenden Geräten in Informationstechnik absehbar gewesen war. Spätestens mit dieser neuesten Transformation aber, mit der Transformation der Infrastrukturen zur Produktion und Distribution von Energie in Informations­technologie, stellen sich nun auch aus anwendungsorientierter, pragmatischer Perspektive die Fragen um das, was operationalisierbar ist, neu.

 

»Populationsdynamik. Von Quantitäten zu Qualitäten«

Zwar sind die „Symbole“, mit denen Informationstechnik umgeht, erst einmal in ihrem formal-mathematischen Sinn gemeint, nicht anders also als bei den Funktions­gleichungs­systemen mechanischer Technik auch. Doch es drängt sich in zunehmender Weise die Frage nach einem adäquaten Referenzrahmen zur Einschätzung der Potentialräume ins Zentrum, die sich durch diese informationstechnologischen Transformationen eröffnen. Denn mittels symbolischer Kodierung lässt sich zwar auch das Verhalten der mechanischen Kräfteverhältnisse abbilden und steuern. Aber gleichzeitig lassen sich auch andere Wirkzusammenhänge, zumal genuin soziale Zusammenhänge, symbolisch darstellen und medial organisieren. Ganze Geschäfts­modelle von Firmen wie etwa SAP oder IBM beruhen darauf. Ein strikt formal-mathematischer Begriff der besagten „Symbole“ legt uns nun aber einen Umgang mit Informationstechnik nahe, der diese als Fortführung mechanischer Technik behandelt – jetzt einfach analytisch erschlossen und deshalb um Dimensionen wirkmächtiger in den Möglichkeiten dessen, was sich mit ihnen, scheinbar optimierbar und automati­sierbar, operationalisieren lässt. Aus dieser anwendungsorientierten Perspektive lässt sich etwas provokativ vielleicht sagen, der Computer als Universelle Turingmaschine begriffen bleibe somit nichts anderes als eine geometrische Maschine, gerade wegen der analytischen Notations­standards und gleichzeitig ihnen zum Trotz.

Die Metalithikum Klausuren nehmen zu ihrem Ausgangspunkt, dass sich das Verhalten informationstechnisch medialisierter Prozesse nicht hinlänglich über den für unser Verständnis von Technik traditionellen Referenzrahmen der physikalischen Mechanik beschreiben lässt. Mit dem phantastisch-programmatischen Begriff des Metalithikums suchen wir nach der Möglichkeit einer Abstraktion hierzu. Mit diesem Neologismus versuchen wir die besagte qualitative Veränderung unserer Beziehung zu den Steinen und ihrem Geo-Index zu fassen, mit meta‑ für Abstraktion und ‑lithikum für die Bezeichnung der diversen Epochen der sogenannten Steinzeit, mit besonderer Referenz auf das Neolithikum, das für die jungsteinzeitliche Revolution und den Beginn der Sesshaftigkeit, des Domestizierens von Natur steht. Denn hinter der neu aufscheinenden operablen Verfügbarkeit der Art und Weise, wie wir unsere Weltzusammenhänge zu symbolisieren und operationalisieren gelernt haben, verändert sich mit dem technischen Substrat auch das Substrat unserer Existenz in eine Art von „symbolisierter Physik“, die wir – vorläufig eher behelfsmässig denn aus Überzeugung – als medialisierte Natur bezeichnen wollen.

Die erste Klausur »printed physics« hat die technischen Funktionsprinzipien aktueller Informationstechnik indirekt und projektiv über ein Betrachten der Bedingungen ihrer produktionsbezogenen (Re)Produzierbarkeit und der ökonomischen Verfügbarkeit, die sich dadurch ergibt, in den Blick genommen. Zur Veranschaulichung haben wir eine Vergleichbarkeit zwischen der Situation einer sich gegenwärtig vollziehenden „Print Revolution“ in der Produktion von Informations­technik mit der Situation der Einführung des Buchdruckes zu Beginn der Neuzeit nahegelegt. Hatte diese damals – auf eine für die Zeitgenossen Gutenbergs wohl unvorstellbare Weise – zu einer Popularisierung und damit zu einer Säkularisierung des weitgehend klösterlich verwalteten Wissens beigetragen, so vermuten wir hinsichtlich der gegenwärtigen Veränderungen durchaus kulturelle Konsequenzen von vergleich­baren Grössen­ordnungen. Dabei ist es wichtig, im Blick zu behalten, dass die besagte heutige „Print Revolution“ nicht – wie dies schon frühe Betrachtungen u.a. von Marshall McLuhan herausgestellt hatten – primär die Verfügbarkeit von Dokumenten, also von repräsen­tierenden, darstellenden Produkten wie Bücher, Zeitschriften, Newsletter oder Emails, wie auch Sendungen per Radio und Fernsehen betrifft. Zwar vollziehen sich auch auf dieser Ebene einschneidende Umbrüche; viel grundsätzlicher aber erscheint uns die besagte Entwicklung, sofern sie sich auf die Produktion von im Physikalischen operierender Apparate selbst bezieht: Von Prozessoren, Speichern, Antennen, Verstärkern, von den Licht-Emittern in Screens, Leuchten et cetera bis hin zur Photo­voltaik werden die funktionierenden Maschinen als bedruckte Folien produziert, und dies inzwischen längst in industriellem Massstab.

Energetische Prozesse gelten uns mindestens seit der Neuzeit als in ihren Prinzipien universell beschreibbar, in ihren Ereignissen jedoch als lokal ver-ortet und gerade darin als geo-metrisch ge-erdet. Die mechanischen Prinzipien etwa zum Umgang mit Feuer oder Wind, Wasser oder Steinen gelten uns deswegen als „natürlich“, auch wenn sich ihre Prozesse durchaus auch von mechanischen Apparaten, von Motoren oder sogar von scheinbar selbst-tätigen Automaten gezielt auslösen und in diesem Sinn be-wirken lassen; sie blieben aber bisher weitgehend auf das Kanalisieren und Leiten der physikalischen Kräfte durch die Kulturtechniken angewiesen – und darin auch verortet und geerdet – von den frühen Weisen des Ackerbaus bis zu den modernen Infra­strukturen heutiger Energie­versorgung.

Können wir unsere energetische Versorgung aber mit Elektrizität organisieren, die wir direkt aus dem Strömen der Sonne ernten und mittels informationstechnischer Netzwerke verfügbar machen, verändern sich diese Prinzipien der Verortung und der Erdung mechanisch-geometrischer Kulturtechniken in ein Prinzip der Deterrito­riali­sierung, das für jedes Digitalisieren charakteristisch ist. Wir kennen die veränderte Zugänglichkeit und Verfügbarkeit von digitalisierten Dokumenten bereits aus dem Internet, und eine ähnliche Zugänglichkeit und Verfügbarkeit könnte sich auch für die Digitalisierung der Apparate, sowie der Produktion von Energie entwickeln.

Die zweite Metalithikum Klausur, nun zum Thema »domesticating symbols«, fragt danach, wie die Situation aufzunehmen wäre, dass diese maschinell produzierten, symbolisierten Wirksamkeits­geflechte unseren Alltag nahezu ubiquitär durch­dringen. Die zunächst rein quantitativen Entwicklungen werden wohl bald auch das Aufscheinen anderer Qualitäten mit sich bringen. Was, wenn sie eine gewisse Sättigung über die Populationen hinweg erreichen, so dass sich auf ihrer Basis neue Strukturen auszubilden beginnen, bis dorthin, wo wir opak die conditio humana vermuten können? Wir wollen versuchen, die spezifischen Potential­räume, die uns heute zugänglich werden, zu erwägen, sowie über die veränderten Bedingungen unseres Sprechens darüber und Umgangs damit nachzudenken.

 

»Kultivierungs- und Domestizierungs­strategien im Symbolischen«

Wir sind heute im Stand und mitten im Vollzug davon, eine Art von Wirksamkeits­geflechten als bedruckte Folien herzustellen, dessen physikalisch-energetisches Verhalten wir symbolisch codieren können.

Die entscheidende Wendung dabei scheint uns darin zu bestehen, dass wir eine eigentümliche Selbstbezüglichkeit erleben zwischen dem technisch Formalisier- und Operationalisierbaren und einer physikalisch gefassten Natürlichkeit, wie sie uns spätestens seit der Neuzeit als Referenzebene für die algebraisch-funktional gefassten Symbole und die damit ermöglichten Zusammenhänge gegolten hatte, in die hinein wir unsere Apparate, Maschinen, Motoren etc. gestellt haben.

Noch Kant hatte eine Wirksamkeit, die sich nicht über diese physikalische Referenzebene herleiten liesse, als Geistertreiben umschrieben. Eine Wirksamkeit, die nicht primär physikalisch motiviert zu sein scheint, eine in diesem Sinn immaterielle Wirksamkeit, die sich aber dennoch materiell entfaltet, hat er zwar als Phänomen nicht etwa wegzureden versucht, aber er wollte sie aus dem Zuständigkeitsbereich seines Vernunftbegriffs ausgeklammert wissen. Die Grenzen einer damit ins Zentrum wissenschaftlichen Suchens und Entwickelns gestellten Positivität zeigen sich heute in deutlicher Weise, und finden ihre Veräusserlichung in der mittlerweile alles dominierenden Elektrizität und Informationstechnologie.

Die rationalen Raster als Projektionsflächen funktionaler Abbildungen von Wirk­zusammenhängen, die Kant als Basis zur Reflexion über das damals noch auf erfolgs­ver­sprechende Weise geometrisch-mechanisch und quantitativ-linear zu beschrei­bende Natur­geschehen gegolten haben, wirken noch heute faktisch als Rahmen für praktisch alles phantastische Projizieren. Phantastisch nennen wir dieses Projizieren deshalb, weil dieser Projektionsraum zum topologischen Raum assoziativer Netzwerke geworden ist. Auf dem technischen Substrat von „Information“ und der daraus erwachsenden globalen Vernetzung löst sich die mechanische Kausalität als Erklärungsprinzip der Wirkzusammenhänge territorialer Räume sowohl für die materielle wie die soziale Logistik in eine Probabilistik auf, die als solche nicht nur auf kein universelles Mass und Metrik mehr bezogen werden kann. Sie entfaltet sich auch auf keinem Fundament mehr und ausserhalb eines Raumes, der über seine Grenzen bestimmt ist, also buchstäblich in deterritorialisierten Milieus. Worin liessen sich spezifische Kultivierungs- und Domestizierungs­strategien vermuten, die sich spezifisch für so etwas wie ein Konstruieren im Symbolischen herleiten und herausstellen liessen?

 

Zürich, Oktober 2010

Konstruieren im Symbolischen
Prof. Dr. Ludger Hovestadt, Architektur und Informatik CAAD ETHZ

[vimeo http://vimeo.com/47826934]

Polyloge zwischen den Zeiten
Prof. Dr. em. Christian Doelker, Medienpädagogik Uni ZH

[vimeo http://vimeo.com/47767018]

Zeichen-Szenarien. Sprachtheoretische und
gattungsgeschichtliche
Befunde zum menschlichen Zeichenvermögen
Prof. Dr. Ludwig Jäger, Semiotik und Deutsche Philologie,
Rheinisch-Westfälische technische Hochschule Aachen

[vimeo http://vimeo.com/47817266]

Philosophische Fragen um das Thema der Symbolisierung
aus rechtlicher Perspektive
Prof. Dr. Marcel Alexander Niggli, Strafrecht und Rechtsphilosophie
Universität Fribourg

[vimeo http://vimeo.com/47821914]

Digitale Disponibilität. Techné und Techniken des
Symbolischen
Prof. Dr. Georg Christoph Tholen, Medienphilosophie Universität Basel

[vimeo http://vimeo.com/47826346]

Symbole im Haushalt. Das Modell in der Architektur
Prof. Dr. em. Werner Oechslin, Geschichte und Theorie der Architektur
ETHZ

[vimeo http://vimeo.com/47828202]

Die Doppelartikulation einer digitalen Rhetorik
Dr. phil. des. Vera Bühlmann, Medienphilosophie CAAD ETHZ

[vimeo http://vimeo.com/47855312]